14. Juni, 14tes seed.
Ein Zahlenspiel, das hier nur halb Zufall ist.
heute bis jetzt – ein Künstlergespräch.

:: Dein Newsletter erscheint genau alle 64 Tage, was mir als treuer Leserin bisher nie aufgefallen war. Welche Rolle spielen Zahlen für dich, insbesondere die Zahl acht?

zahlen
// 2020-0043

64×64 cm – 25,2×25,2 inch // fine art print // edition of 8
// gerahmt // framed 81,5x 81,5 cm

zahlen sagen alles.
sie bilden ab, strukturieren und geben orientierung.
zahlen sagen nichts.
die bedeutung kommt über die kontextualisierung, die wertung bzw bewertung des menschen.

die zahl acht habe ich im rahmen meines sabaticals 2017 bewusst für mich entdeckt. ich habe mein bisheriges schaffen auf den prüfstein gestellt und begonnen, die essenz daraus für mich zu gewinnen. um was geht es mir wirklich? dabei tauchte auch immer wieder die zahl acht auf und ebenso das quadrat. der zahl acht ging ich weiter auf den grund. sie steht für den neuanfang – den habe ich mit dem jahr 2018 gewagt, sie steht für den übergang vom quadrat zum kreis, sie ist in sich geschlossen. die liegende acht steht für die unendlichkeit, das immer wiederkehrende. das finde ich eine schöne symbolik für das menschsein und die damit verbundenen fragen. es sind am ende immer die gleichen fragen, die uns betreffen. zu guter letzt bildet die quersumme meines geburtsdatums die acht.

somit wurde die acht der grundstein meines neubeginns. die acht im quadrat ergibt mein bildformat von 64 cm kantenlänge. grössere arbeiten sind ein vielfaches dieses grund-quadrates von 64×64 cm. selbst mein bildpreis folgt dieser logik und lässt sich über die formel „länge plus breite mal faktor 8“ berechnen.

:: In deinem künstlerischen Werdegang schreibst du vom „Gefühl und der Energie von Orten“. Das gefällt mir. Welches deiner Fotos hat das bis heute für dich am meisten eingefangen, welchen Ort und was sehen wir da?

zu meinem grossen glück konnte ich während meines architekturstudiums an vielen exkursionen teilnehmen und bin so in barcelona, venedig, lissabon, new york und moskau gewesen. anfänglich habe ich versucht, die reisen fotografisch zu dokumentieren, aus der perspektive eines architekturstudenten. ich habe aber schnell erkannt, dass diese aufnahmen eher langweilig waren und für mich nicht den kern dessen trafen, was ich an dem jeweiligen ort empfand. so bin ich dazu übergegangen, experimenteller zu fotografieren und mich jenseits des abbildens zu bewegen. die new york exkursion und deren spätere dia-show, die ich an der hochschule gezeigt habe, war vielleicht meine initalzündung, mich bewusst vom klassischen abbilden weg zu bewegen: in diesem fall eine ton-bild-schau, die den puls von new york wieder-gibt, diese enorme energie der stadt.
eine arbeit, die das auf ganz andere weise zeigt und wohl typisch für meinen bildumgang ist, heisst „in den tiefen des eigenen seins“. (2019-0032)

in den tiefen des eigenen seins
// 2019-0032

64×64 cm – 25,2×25,2 inch // fine art print // edition of 8
// gerahmt // framed 81,5x 81,5 cm

ort des geschehens ist eine aufnahme meiner lunge, in die ich ein portrait von mir belichtet habe. ich trage eine schutzmaske. die szenerie ist etwas beunruhigend, aber eben sehr am ursprungsort des eigenen seins.

:: Parallel zur Architekturfotografie hast du also angefangen, das Menschsein und deinen eigenen Körper fotografisch auszuleuchten. Das klingt sehr konträr zu Architektur und Struktur. Was macht für dich „Menschsein“ aus?
ja, ich habe mich fotografisch vom objekt zum subjet hin entwickelt, und alterniere zwischen diesen welten auch gerne oder bringe sie auch mal zusammen. mir war lange zeit nicht klar, warum mich das medium fotografie so anzog und was ich damit eigentlich tun wollte. und dann entdeckte ich 2001 meinen eigenen körper als foto-objekt.

wer bist du und wenn ja, wie viele?
// #05/64
// 2019-0077

64×64 cm – 25,2×25,2 inch // fine art print // edition of 8
// gerahmt // framed 81,5x 81,5 cm

um auf deine frage zurück zu kommen, was ich unter menschsein verstehe: das individuum, sein selbstverständnis zu seiner inneren wie äusseren welt, seine existenz mit seinen grenzen und widersprüchen interessieren mich. für mich bedeutet das, sich auf sich einzulassen, sich auszuhalten und zu entdecken. auch mit jenen teilen, die man nicht so mag oder auch gerne mal verdrängt.

:: Du sprichst von „Zwischenbildern“, ein schönes Wort. Kann ich darunter auch eine Art Zustand dazwischen verstehen – quasi Transformation und Übergang?

das ist eine total schöne interpretation der zwischenbilder! ja, da stimme ich dir voll zu. diese zwischenbilder kommen ursprünglich aus der diaprojektion, im wechsel von einem auf das andere bild. während das eine eingeblendet wird, wird das andere ausgeblendet, aus beiden entsteht ein drittbild, besagtes zwischenbild. heute nutze ich vielfach das verfahren der doppelbelichtung, um zu meinen bildergebnissen zu kommen. als beispiel möchte ich die arbeit „just below my skin i am screaming“ (2018-0125) erwähnen. dort habe ich wunderschöne rostspuren, die ich auf einem container entdeckt habe, mit einer torsoaufnahme kombiniert: ein wechselspiel zwischen oberfläche und räumlichkeit ensteht.

just below my skin i am screaming
// 2018-0125

64×64 cm – 25,2×25,2 inch // fine art print // edition of 8
// gerahmt // framed 81,5x 81,5 cm

entdecken
// 2019-0239

64×64 cm – 25,2×25,2 inch // fine art print // edition of 8
// gerahmt // framed 81,5x 81,5 cm

:: Die Arbeit deiner Einmachgläser hat mich persönlich immer besonders fasziniert, das „Nicht-Zeigen“ von Fotos. Es ist ein Spiel mit Imagination, Assoziation und Erinnerung. Für ein Familienportrait eine wundervolle Idee, wie ich finde. Wie sehr täuschen uns Fotos, wenn wir sie aus einer gewissen zeitlichen Distanz betrachten?

ja, die sache mit dem nicht-zeigen ist eine spannende. wieviel bild braucht es, um eine erinnerung, eine imagination hervorzurufen? reicht der titel und die referenz an fotos wie im falle der installationen mit den dias in einmachgläsern? was sehen wir, wenn wir nichts sehen?
ob und wie fotos uns täuschen, hängt stark von unserer verknüpfung und erinnerung an den moment des entstehens ab. ebenso spielt unsere erfahrung und das was uns gerade bei späterer betrachtung beschäftigt eine rolle. bilder unterstüzen und prägen die erinnerung, und die erinnerung prägt, was wir auf dem foto sehen. diese wechselwirkende erfahrung kann jeder mit persönlichen fotos machen. vielleicht könnte man es mit einem buch vergleichen, das man nach mehreren jahren nochmal liest. der text ist weiterhin der gleiche, aber die bedeutung für die/den leserin kann sich ändern, da sich der eigene kontext verändert hat.

bei einem foto sollte man sich immer dessen bewusst sein, das es die persönliche perspektive des fotografierenden widerspiegelt und nicht objektiv ist. wir könnten da in eine spannende diskussion in sachen ‚was ist realität‘ einsteigen. um den bogen zu den dias im einmachglas wieder zu spannen, ist es bei diesen arbeiten gerade das prägende, das die/der betrachter*in komplett auf seine eigenen bilder im kopf zurückgeworfen wird.
kopfkino sozusagen.

:: Mit deinen neueren Werken im Quadrat und mit der Zahl acht scheinst du dich wieder mehr in eine Struktur zu begeben. Du beschreibst den festen Rahmen und das freie Spiel darin. Das ist dann ja fast eine Übertragung auf den Mensch, auf den Körper und der darin wohnenden Seele.

eine sehr schöne analogie, damit ist dann auch schon sehr vieles gesagt. das quadrat beschäftigt mich schon lange, siehe auch das bild von 1988, das ich auf dem dachboden meiner eltern letztens ja wiederfand.

das paar
// 2018-0018

64×64 cm – 25,2×25,2 inch // fine art print // edition of 8
// gerahmt // framed 81,5x 81,5 cm

das quadrat bezieht sich auf sich selbst, gibt keine richtung vor. es ist für mich über die jahre ein grundbaustein meiner werke geworden. jetzt habe ich den rahmen noch stringenter gefasst und dafür ein mass von 64 cm kantenlänge eingeführt. der bildträger selbst ist nur noch ein papier mit pigmentfarben bedruckt, ein soge-nannter fine art print.
jegliche art der kaschierung lasse ich weg, da diese zwar effektvoll ist, zugleich aber auch zu glatt. dies stünde im widerspruch zu den teils sehr zerbrechlichen, sensiblen und auch mitunter verstörenden bildern. es geht mir ja gerade um diese fragilität des seins.
ein weiterer aspekt dieser klaren struktur ist die möglichkeit der kombination von werken. ich bringe in den sogenannten remixes bilder zusammen, die häufig überhaupt nicht zusammen gedacht waren. aber gerade in dieser verbindung entstehen neue resonanzen, bildräume verstärken sich zu etwas neuem. dies finde ich sehr spannend. so habe ich aufgehört, in werkgruppen zu denken. ich arbeite seit 2018 mit einem kontinuierlichem werksverzeichnis. das stößt zwar nicht auf besonders viel gegen-liebe bei den kunstvermaktern, da man die werke nicht mehr so einfach einordnen kann, gibt mir aber die von mir benötigte arbeitsfreiheit. das kontinuierlich wachsende werk entwickelt eine ganz eigene kraft jenseits der kraft des einzelnen werkes.

:: Als Betrachterin spielt für mich ästhetisch bei deinen neuen Werken auch das Thema Farbe eine Rolle. Dir geht es, wie du schreibst, um das Innere, um Emotionen. Wie gehst du an ein solches Werk heran, was schafft die Grundlage?

es gibt zwei wesentliche wege für mich, zur farbigkeit meiner arbeiten zu kommen. der eine geht über den weg des entstehungsprozesses. motiv, mögliche doppelbelichtungen und eben die farbigkeit entstehen in einem teils langen prozess, der eher intuitiv von mir gesteuert wird. der andere weg geht über mein interesse an bildfehlern und mein faible für strukturen und rhythmen, die ich überall, wo ich bin, entdecken kann.

abstraktion und dekonstruktion sind vielleicht ganz passende begriffe für die art, wie ich fotografie gerne nutze. fehler in bildgebenden verfahren sind eine wunderbare quelle für strukturen und farbigkeiten, die ich mir so hätte gar nicht ausdenken können. es sind geschenke des moments, wenn man sie entdeckt. und dann beginnt die arbeit des kultivierens, um das spiel zwischen zufall und absicht auszutarieren. beispielhaft zeige ich dir die gerade entstandene arbeit „california sun #1“ (2020-0064), an dieser arbeit habe ich quasi nichts nachbearbeitet. es ist das produkt einer digitalkamera und musste von mir nur entdeckt werden.
die beiden wege verlaufen natürlich nicht streng nebeneinander. sie kreuzen sich, verschlingen sich und entfernen sich auch wieder vonein-ander. was wohl für alle meine werke gilt ist mein intuitiver, aus der eigenen stimmung kommender umgang mit farbe.

california sun #1
// 2020-0064

64×64 cm – 25,2×25,2 inch // fine art print // edition of 8
// gerahmt // framed 81,5x 81,5 cm

:: Ich habe mir dein Jahreszahlenquadrat angesehen und mich spontan gefragt, welche Jahre in meinem Leben besonders waren. Welche Jahre stechen in deiner Biografie bisher hervor?

da muss ich natürlich als erstes das jahr 1971 erwähnen! mein geburtsjahr, mein ursprung. aber zurück zu meinem 8×8 jahren schaffensquaudrat. ich habe 2017 in meiner bisherigen vita entdeckt, dass auch dort die zahl acht auftaucht. das habe ich mir dann näher angesehen und nach einem punkt, an dem der achter rhythmus beginnt, gesucht und ihn auch gefunden: 1994. es war das jahr, indem ich mich vom rein technischen zum gestalterischen hin gewendet habe: der beginn meines architekturstudiums.

2001, zum ende der ersten acht jahre, habe ich dann meinen eigenen körper für meine fotografie entdeckt. die folgenden 16 jahre sind geprägt von meiner ‚orange pants‘, die ich auch mehr und mehr in meine künstlerische arbeit eingebracht habe. in diese zeitspanne fällt auch die geburt unserer drei kinder, die ich zusammen mit meiner frau habe.

2017, zum ende der dritten achter reihe, habe ich mich aus der kunst als falk von traubenberg verabschiedet und alles auf den prüfstein gestellt, was ich bisher gemacht hatte. um was geht es mir eigentlich? was ist mein kern? dass diese fragen richtig und wichtig waren, wurde mir dann auch am 14. juni vor drei jahren auf körperlicher ebene angezeigt. eine gesundheitliche krise unterstrich meinen wunsch nach veränderung und warf mich auf mich zurück, auf meine existenz.
2018 starte ich dann als falk.brvt neu. mein konzept, das ich 2017 entwickelt habe, wird realität. und ich habe noch viel vor. denn aus meinem jahreszahlenquadrat ergibt sich, dass ich mich bis zum jahre 2057 künstlerisch äussern möchte. dann habe ich mein aktives, kreatives künstlerisches lebensquadrat gefüllt. 64 jahre.

meine matrix – meine vision
// 2018-0106

64×64 cm – 25,2×25,2 inch // fine art print // edition of 8
// gerahmt // framed 81,5x 81,5 cm

Hamburg.
Ein Gespräch am 14. Juni 2020 zwischen falk.brvt und Gabi Rösch,
Freundin, Betrachterin und Redakteurin.